Unterschiedliche Systeme, ähnliche Kosten – was die Zahlen sagen
Im November besuchten wir im Rahmen des CAS Managing Medicine das King’s College Hospital in London. Ein Vergleich der nationalen Systeme drängt sich auf. Dabei finden sich trotz grosser Unterschiede verblüffende Parallelen.
Everywhere the same
Wenn wir die beiden Systeme vergleichen, lassen sich strukturelle Unterschiede leicht herausarbeiten: Die Schweiz ist mit ihren Kantonen hochgradig dezentralisiert und setzt auf Wettbewerbselemente. Umgekehrt ist das UK durch strikte staatliche Steuerung über den NHS, einem der grössten Arbeitgeber Europas, gekennzeichnet. Das britische System ist stark daten-orientiert, die Schweiz diesbezüglich defensiver. Beispielsweise findet sich jedes englische Spital in einer «League Table» wieder, die offen einsehbar ist – in der Schweiz undenkbar. Das zentralistische System erlaubt übergreifende «Roll-outs», dafür schlägt die Politik enorm durch. Die Schweiz tut sich eher schwer mit übergreifenden Initiativen, ist dafür aber weniger von politischen Schwankungen gekennzeichnet.
Diese Liste liesse sich fortführen. An einem entscheidenden Punkt gibt es jedoch eine überraschende Parallelität: bei allen Unterschieden gleichen sich die Systeme in Kosten und Kostenentwicklung.
Nach den neuesten OECD-Daten gibt die Schweiz rund 11,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Gesundheitskosten aus. In UK sind es rund 11,1 Prozent des BIP. Noch ähnlicher wird es, wenn man die Kostensteigerungen über die Jahre hinweg ansieht: rund 3.7 Prozent durchschnittlich in beiden Ländern.
Governance und Kosten
Trotz sehr unterschiedlicher Governance-Prinzipien – dezentral mit wettbewerblichen Elementen vs. zentral staatlich gesteuert – kommt es in beiden Systemen zu vergleichbaren Kosten/-entwicklungen. Übrigens beobachteten wir Ähnliches 2024 bei unserem Besuch in Dänemark.
Gemäss OECD-Studien ist das auch erwartbar: Sie zeigen, dass unterschiedliche Systeme sehr vergleichbare Ergebnisse erbringen (wenn sie gut gehandhabt werden).
Warum ist das wichtig? Governance allein „löst“ Kostenprobleme nicht. Die Art der Steuerung – dezentral versus zentral – ändert nichts an den fundamentalen Treibern der Ausgaben: medizinischer Fortschritt, demografischer Wandel und steigende Erwartungshaltungen der Bevölkerung.
Umgang mit relevanten Fragestellungen
Damit relativieren sich (allzu) einfache Narrative wie „zentral ist günstiger“ oder „Markt zwingt zur Effizienz“. Beide Systeme bewegen sich in einer vergleichbaren Kostenrealität – und beide stehen vor denselben Herausforderungen: komplexe medizinische Versorgung, steigende Nachfrage und begrenzte Ressourcen. Die Governance-Unterschiede zeigen sich bei anderen Dimensionen, etwa bei Qualität (Daten, Fallzahlen) oder Zugänglichkeit (Wartezeiten).
Es geht also nicht um die Frage, ob Systeme zentral oder dezentral, ob Markt oder Staat seligmachend sind – sondern wie auf allen Ebenen mit den relevanten Fragestellungen umgegangen wird: an den systemischen Schnittstellen, zwischen den Akteuren, innerhalb der professionellen wie organisatorischen Felder.
Kliniken erfolgreich durch Turbulenzen steuern
Fachkräftemangel und Kostendruck erhöhen den Druck auf Gesundheitsorganisationen. Zugleich sollen sie mit den Innovationen aus der medizinischen Forschung mithalten.
Wie schaffen wir es, qualitativ hochwertige Gesundheitsdienstleistungen zu bieten, ohne Betriebswirtschaft, Wissenschaft, politische Fragen und die Menschen zu vernachlässigen? Dieser Frage geht das CAS Managing Medicine in Health Care Organisation an der Universität Bern nach.
Die nächste Durchführung startet im Juni 2026.
Informieren Sie sich hier.
Foto von Charles Postiaux auf Unsplash

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